Hintergrund: Vor Kurzem ist mir aufgefallen, dass es uns schwer fällt, Frauen als Gastleserinnen zu bekommen. Das hat viele Gründe (zu viele, um sie hier zu erläutern), aber ich habe in der Folge einige Freundinnen und Bekannte gefragt, ob sie nicht Lust hätten, sich mal an Geschichten zu wagen und bei uns zu lesen. Svenja war die erste, die mich ganz direkt gefragt hat:  Wie geht denn das eigentlich? Wie machst du das? Der folgende kurze Leitfaden war das Ergebnis. Falls du dich tatsächlich inspiriert fühlst, damit zu arbeiten, würde mich das Ergebnis interessieren (und zwar geschlechtsunabhängig).

 

Wie man Geschichten für Tiger schreibt

In 10 einfachen Tipps

Tipp #1: Ideen haben ist weniger wichtig, als man denkt.

Ich höre immer wieder, dass Menschen angeblich deshalb nicht schreiben, weil „ihnen nichts einfällt“ oder sie „gerade keine Ideen haben“. Ich allerdings habe eigentlich nur sehr wenige Geschichten geschrieben, nachdem ich eine bestimmte Handlung oder ein Thema im Kopf hatte und diesen Funken dann ausgearbeitet habe. Wenn man sich mal ein paar Short Storys und andere kürzere Erzählungen ansieht, dann stellt man schnell fest, dass es eh nicht so viele Strukturen oder dramaturgische Abläufe von Geschichten gibt. Der allerkürzeste Nenner ist wohl: Jemand will etwas haben und wird durch irgendetwas daran gehindert, es zu bekommen. In der Geschichte erfährt man, wer diese Person ist, was sie will und warum, und warum zur Hölle es nicht klappt. Das möglichst kurz, denn was einen eigentlich interessiert, ist, wie die Person mit dem Problem umgeht. Das sollte den Hauptteil der Geschichte ausmachen. Am Ende kann Erfolg oder Misserfolg stehen oder auch ein offenes Ende, das ist eigentlich fast egal. Was die meiste Leute interessiert, ist, wie die Person sich mit dem Problem herumschlägt.

Tip #2: Struktur ist wichtiger, als man denkt

Wir haben also: eine ganz kurze Einleitung (in einer Story kann die echt kurz sein, da reichen, ein, zwei Sätze) aus denen man ableiten kann, wer was will und wieso er/sie es nicht schon hat. Machen wir das gleich mal.

„Es ist schwer, aus einem Loch wieder rauszukommen, wenn man nur ein Bein hat. Noch schwieriger ist es fast, wenn man das zweite Bein noch sehen kann, weil der Tiger, der oben an dem Loch steht, wie wild darauf rumkaut und es hin und herschleudert wie ein Baby seinen Lieblingsschnuller, und deshalb sieht man das Bein immer noch mal ein bisschen. Das macht einen echt fertig, nicht nur, weil man Schmerzen hat an der Stelle, wo vorher das zweite Bein war, sondern weil es irgendwie noch ziemlich nah an einem dran ist und man denkt so: Menno, kann das nicht noch näher an mir dran sein? So wie früher? Und dann fällt einem wieder ein, dass man aus der Grube raus muss, mit nur einem Bein und den Schmerzen und den Zweifeln und vorbei an dem Tiger, der einem schon ein Bein abgebissen hat.“

Also, das ist jemand, der sitzt in einer Grube und will da raus und vorbei an dem Tiger, der ihm/ihr schon ein Bein abgerissen hat. Person, Problem, passt, mehr muss man gar nicht wissen. Wer die Person genau ist, weiß man nicht, ist auch nicht so wichtig, das lenkt nur ab. Ein bisschen was weiß man schon über ihn/sie, wegen der Art, mit der über das Problem geredet wird. Schnoddrig und witzig, das ist jemand mit Galgenhumor. Zugegebenermaßen liegt das einfach daran, dass ich so am leichtesten schreiben kann und das einfach mal so hingetippt habe. Aber so kann man sich eben auch als Schreiber/in überraschen lassen, auch ohne Idee. Nochmal: Ideen sind überbewertet. Meistens funktioniert es ganz gut, erstmal anzufangen mit Person und Problem, und dann eine Pause zu machen und zu gucken: Was steht denn da jetzt? Ohne, dass ich´s geplant habe, steht da jetzt schon eine bestimmte Person vor uns: Eine Mischung aus Indiana Jones und Xander Harris. Fein.

Tipp#3: Arbeite wie ein/e Maler/in

Nämlich, indem du mal nahe an den Text rangehst und mal einen Schritt zurücktrittst. Du machst erstmal (ein paar Sätze schreiben) und legst dann die Tastatur beiseite und guckst dir den Text an, als hätte ihn jemand anders geschrieben. Was hast du da eigentlich gemacht? Wer ist die Person, was ist das Problem und was könnte jetzt passieren? Mit diesem Wissen gehst du wieder in den Text „rein“ und machst weiter, vorzugsweise, indem du dich in die Person versetzt und einfach durchgehst, was so jemand jetzt wohl machen würde. Ich habe keinen Plan, was jetzt gleich passiert, aber ich schreibe einfach mal weiter:

„Der Tiger knurrt und brüllt und du denkst, prima Idee, könnte ich ja auch mal machen. Vielleicht hört mich jemand. Es hört dich aber niemand, vielleicht, weil der Tiger zu laut ist, vielleicht aber auch, weil du mitten im Dschungel hockst. Einmal kommt ein Flugzeug und brummt über den Himmel. Lautet Leute mit zwei Beinen und das ist fast so gemein, wie die Sache mit dem Bein, das noch fast an dir dran ist, aber nicht ganz. Menno, warum können die denn nicht ein paar hundert Meter weiter unten sein. Nicht so absturzmäßig, so schwebemäßig, helfermäßig.

Es kommt also keiner und der Tiger wird ganz still. Vermutlich hat er dein Bein schon aufgefressen. Menno, dein schönes Bein. Irgendwie ist es noch unheimlicher, wenn der Tiger nichts macht. Gut, er hat dein Bein gefressen, aber immerhin war er Gesellschaft (Stockholm-Syndrom! Sagt was in dir) und alleine sitzt du nur alleine in einer Grube ohne dein zweites Bein und wirst bald verblutet sein.

„Menno“, schluchzst du. „Blöder Tiger. Bist du auch noch weg.“

„Nee, wieso?“, sagt der Tiger und guckt über den Rand der Grube. „Ich bin doch noch da!“

Tip #4: Wiederholungen und Abwandlungen halten den Text zusammen und sind lustig.

Von der Handlung her ganz einfach: Hilferufen, niemand kommt. Aufgepeppt durch Dinge, die ich vorher einfach so hingeschrieben hatte („Menno“, das Thema „Bein“ und „kein Bein haben“ und das alles zusammengehalten und variiert im Sprachstil, der sich aus den ersten Sätzen herauskristallisiert hat). Zugegeben, dass mir das „einfach so einfällt“ und stilistisch einheitlich ist, ist Übungssache und dir geht es vermutlich nicht so leicht von der Hand. Trotzdem, wenn man die Methode kennt, kann man es mit etwas Überlegung nachmachen.

Tipp #5: Erst kommt das Erwartbare, dann das Unerwartbare

Nachdem die Figur ein paar Sachen probiert hat, die jeder so machen würde, muss ein kleiner Knaller kommen. Ein Punkt, an dem sich die Story dreht und aus dem Rahmen des Erwartbaren fällt. Mir ist spontan eingefallen: Der Tiger kann sprechen (und wenn man die Sätze nachverfolgt, versteht man auch, wie ich drauf gekommen bin: Das Flugzeug ist weg, Angst vorm Alleinsein und Sterben, Frage: Wer ist noch da? Antwort: Der Tiger. Aber der spricht ja nicht! Frage: Und wenn doch?). Also wieder rein in den Text, mal gucken, was als nächstes passiert.

„Ey, du kannst sprechen?“

„Klar.“ Der Tiger schmatzt und kaut an etwas, was vielleicht dein großer Zeh war.

„Das gibst doch gar nicht. Ich bin bestimmt verrückt.“

„Möglich. Aber wie willst du das jetzt rauskriegen?“ Der Tiger rülpst.

„Hilfst du mir raus?“ Auf Logikdiskussionen mit Tigern habe ich echt keinen Bock und außerdem tut das abgerissene Bein langsam schweineweh.

„Nö.“

„Was? Warum nicht?“

„Dann müsste ich dich ja ganz auffressen. Ich will aber lieber, dass du dableibst und wir uns immer und immer unterhalten können.“

Vielleicht ist es doch Zeit für eine Logikdiskussion.

„Wenn ich hier unten verblute, klappt das aber nicht.“

Stille. Noch mehr Stille. Ist das wieder ein Flugzeug, das oben über den Himmel brummt? Nein, es ist der Tiger beim Denken.“

Tipp #6: Dialoge

Die Leute mögen Dialoge, weil man mittendrin statt nur dabei ist und meistens sind sie lustiger als das, was der Autor/die Autorin so reinredet. Dialoge sollten kurz und knackig sein, man sollte nicht immer schreiben „sagte er/sagte sie“, die Leute sollten aus dem Gesagten selbst mitkriegen, wer gerade redet und wie sich das anhört (wütend, bedrohlich, schmeichelnd, usw.) Zwischen dem, was die Beteiligten sagen, sollte man immer mal wieder was Kurzes, Witziges über die Umgebung und so schreiben. In einem Dialog sollte es um etwas gehen, die Beteiligten sollten etwas wollen, und … und … wie in der Story insgesamt sollte irgendwann etwas Überraschendes passieren. Leider habe ich gar keine Ahnung, was das sein könnte, ich meine, so langsam muss es jetzt kommen und was zur Hölle macht der Tiger jetzt?

Okay, mir fällt wirklich nichts ein. Ähm, neben mir auf dem Tisch steht meine Kaffeetasse.

„Ich ertaste meine alte, treue Kaffeetasse. Komisch, da fällt man in eine Grube und wird von Tiger angeschwiegen und alles, was man hat, ist ein Bein und eine Kaffeetasse. Wo kommt die denn hier? Während der Tiger weiter nachdenkt wie ein ganzes Flugzeug voller Leute mit zwei Beinen taste ich weiter. Ich ertaste meinen alten, treuen Rucksack. Kommt wohl von der Ohnmacht, die immer so kommt, wenn man von einem Tiger ein Bein abgerissen kriegt, dass ich den vergessen habe. Ist da ein Funkgerät drin? Ein Peilsender? Ein Ersatzbein? Ein Holzbein? Ein Bild von einem Bein?

Nein.

Aber etwas Anderes ist drin.

Mein Laptop mit mobilem Internet.“

Keine Ahnung, was das mit dem Internet soll, aber immerhin sind wir schon mal einen Schritt weiter.

Tipp #7: If in doubt, do random stuff.

Ja, genau so. Bei Kurzgeschichten (nicht bei Romanen und so Zeug) gilt die Faustregel: Es ist besser, wenn irgendwas passiert, als wenn gar nichts passiert.

Tipp #8: Schreibe nie ohne Druck

Hängt damit direkt zusammen. Wir müssen auch irgendwann mal fertig werden. Wenn die Leute nicht weiterkommen, sagen sie wieder: O Gott, ich hab keine Ideen. Ideen sind aber unwichtig, wichtig ist, das was passiert. Such dir deshalb immer etwas, was dich in solchen Momenten zwingt, einfach irgendwie weiter zu schreiben. Ganz im Vertrauen: Die Ideen, die du nach drei Tagen und vielen Gesprächen mit deinen FreundInnen hast, sind auch nicht besser und oft sogar schlechter, als alles, was dir jetzt sofort einfällt. Na gut, auch dazu gehört ein bisschen Übung. Trotzdem: Ich schreibe nie eine Story ohne Anlass und ohne Deadline. Wenn du keinen Ort zum Auftreten und keinen Verlag hast, der dich zur Abgabe zwingt, sag dir: ich schreibe jetzt eine Stunde, dann ist die Story fertig, aus. Oder: Ich schreibe jetzt drei Seiten, dann muss ich durch sein. Der Zwang zum Handeln ist immer produktiv (für Kurzgeschichten, mind you. Romane und längeres Zeug funktionieren so nicht ganz (aber erstaunlich oft so ähnlich))

So, jetzt müssen wir mal langsam zum Ende kommen, denn ich mache das nur, weil Svenja wissen wollte, wie man Geschichten schreibt, und um drei kommt mein Mann nach Hause. Also, wie kommen wir jetzt zum Schluss?

„Warte mal“, sage ich. „Tiger! Ich hab hier Internet!“

„Internet?“ Der Tiger schnüffelt, als hätte er plötzlich Interesse an meinem leckeren zweiten Bein. „Was ist denn ein Internet?“

„Da kriegst du rund um die Uhr Geschichten aus der ganzen Welt …“ Ich tippe panisch ins Browserfenster. „Undundund … du kannst sogar lernen, wie man eigene Geschichten schreibt! Dann gehen dir die Storys nie aus! Ich geb dir das Internet, wenn du mich hier rausholst!“

Okay, man merkt schon, jetzt muss irgendwie der Schluss kommen, so in ein, zwei Sätzen.

Tipp #9: Das Ende muss knackig und überraschend sein.

„Und da streckte mir der Tiger seine Hand entgegen und zog mich aus der Grube und warf sich mit den anderen Sanitätern besorgte Blicke zu, als ich immer was vom Internet faselte und brachte mich in den Helikopter und ins Krankenhaus in der nächsten größeren Stadt und jetzt, sechs Monate später, sitze ich hier und schreibe diesen Leitfaden, wie man Geschichten schreibt und stelle ihn ins Internet. Ich weiß nicht, ob es den Tiger wirklich gegeben hat, aber falls du gerade jetzt mit einem Bein in einer Grube sitzt und einem Tiger das Erfinden eigener Story schmackhaft machen musst, dann hast du jetzt einen Plan, den sogar so ein blödes Tier versteht. Und falls du denkst, auf einem Bein steht man schlecht: Die Chancen, dass du verrückt bist  und er in Wirklichkeit ein Rettungssanitäter ist, sind gar nicht so schlecht. Aber verrate ihm das nicht, so lange du noch in der Grube sitzt. Ich drück dir die Daumen. Du schaffst das.“

So, Ende Gelände. Es ist vielleicht nicht das tollste Ende der Welt, aber es ist ein Ende. Ich könnte die Geschichte bei der Lesebühne vorlesen, ohne ausgebuht zuwerden, das ist doch schonmal was. Auf diese Weise haben wir in etwa einer Stunde eine Story geschrieben ganz ohne Idee vorher und ohne beim ersten Satz zu wissen, was danach kommt (die Überschrift habe ich nachträglich eingefügt). Alles, von dem du jetzt denkst: Super, das kann ich nie – das macht die Übung. Die Methode kannst du so ungefähr auch. Und wenn du es ein paar Mal geübt hast, wirst du schnell deine eigenen Specials entwickeln. Schließlich ist das nur meine Methode.Und ja, diese Methode eignet sich auch nicht für jede Art von Kurzgeschichte, aber das wirst du schon selber rausfinden. Sie ist aber ein guter Anfang und funktioniert erstaunlich gut, vor allem, wenn man erstmal Erfahrung sammeln muss.

Immerhin hast du aber so schon mal einen fertigen Text (und nicht nur eine Idee, aus der nie ein Text wird). Denn du kannst dann immer noch

Tipp #10: Überarbeiten

Das tolle an einem fertigen Text ist, dass man ihn nochmal verändern kann. Ich könnte jetzt sprachlich alles noch sauberer machen, mehr Komplikationen hinzufügen, einzelne Sachen ausschmücken undsoweiter undsofort. Aber wenn ich keinen fertigen Text hätte, wäre ich dafür zu unmotiviert. Und wenn man schon mal einen fertigen Text hat (im Gegensatz zu Ideen, die eh überbewertet sind (sagte ich das schon?)), hat man vor allem eins: Lust, noch mehr Texte zu schreiben.

Das wird auch den Tiger überzeugen. Aber verrat´s ihm erst, wenn du aus der Grube raus bist!

–        Jasper Nicolaisen, 2012 [jnicolaisen@gmx.de]